Rente / 16.11.2020

Arbeitslos kurz vor der Rente: Was tun?

Arbeitslosengeld gibt es bis zum regulären Rentenalter – und ist häufig günstiger als eine vorgezogene Altersrente.

Porträt einer älteren Frau mit einem Fenster im Hintergrund. Sie legt mit kritischem Blick die Fingerspitzen aneinander.

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Am Arbeitsmarkt sieht es derzeit eher düster aus. Besonders ältere Arbeitnehmer, die kurz vor der Rente von Arbeitslosigkeit betroffen sind, fragen sich, ob Sie nochmal ins Arbeitsleben zurückkehren sollten. Denn viele von Ihnen haben bereits Anspruch auf eine vorzeitige Altersrente (Rente mit 63).

Meist spricht aber viel dafür, erst Arbeitslosengeld zu beziehen. Gemeint ist die Versicherungsleistung der Arbeitslosenversicherung, auch als ALG 1 bezeichnet, in Abgrenzung zum Arbeitslosengeld 2, das die Jobcenter zahlen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen hierzu.

Arbeitslosengeld statt Rente beantragen: Was sind die Vorteile?

Für den Anspruch auf Arbeitslosengeld spielt es keine Rolle, ob Sie schon Altersrente beziehen können. Wenn Sie mit 63 oder 64 Jahren Ihre Arbeit verlieren, haben Sie wie ein jüngerer Arbeitnehmer Anspruch auf Arbeitslosengeld. Sie haben also – wenn Sie schon ein vorzeitiges Altersruhegeld erhalten können – die freie Wahl: Sie können sich entweder der Arbeitsvermittlung zur Verfügung stellen und Arbeitslosengeld beziehen oder Rente beantragen. Vieles spricht dann eher fürs Arbeitslosengeld.

Vorteil 1: Arbeitslosengeld häufig höher als Rente

Gerade bei Männern, die in den letzten Arbeitsjahren gut verdient haben, und durch ihre Versicherungsbeiträge entsprechend hohe Ansprüche bei der Arbeitslosenversicherung erworben haben, fällt das Arbeitslosengeld meist höher aus als die zu erwartende Rente.

Das gilt oft auch für Frauen, denn Frauen haben im Schnitt niedrigere Rentenansprüche. Sogar wenn sie zuletzt nur Teilzeit beschäftigt waren, fällt das Arbeitslosengeld häufig mindestens genauso hoch aus wie die Rente.

Ehe Sie sich für die Beantragung eines vorzeitigen Altersruhegeldes entscheiden, sollten Sie einen Blick in Ihre aktuelle Renteninformation werfen. Daraus können Sie ersehen, mit welcher Rente sie in etwa rechnen können.

Vorteil 2: Arbeitslosengeld erhöht die Rente

Wenn Sie nicht vorzeitig in Rente gehen und weiterhin arbeitslos gemeldet bleiben, zählt für auch die Arbeitslosenzeit als Versicherungszeit. Die Zeit des Bezugs von Arbeitslosengeld bringt für die spätere Rente 80 Prozent dessen, was die vorherige Beschäftigungszeit für die Rente wert war.

Zwei Jahre Bezug von Arbeitslosengeld – so lange können ja viele Ältere die Leistung beanspruchen – schlagen bei einem Erwerbslosen, der vor der Arbeitslosigkeit ein durchschnittliches Einkommen erzielt hatte, mit einer Erhöhung der späteren monatlichen Rente um etwa 55 Euro zu Buche. Für einen Arbeitslosen, der zuletzt zu den Besserverdienen gehörte, können zwei Jahre Arbeitslosengeld später sogar ein Rentenplus von bis zu knapp 115 Euro bringen.

Vorteil 3: keine Rentenabschläge

Ein um zwei Jahre vorgezogener Renteneintritt wird vielfach mit Rentenabschlägen von 7,2 Prozent „bestraft“ – und zwar lebenslang. Dies gilt allerdings nicht bei der Altersrente für besonders langjährig Versicherte.

Wie lange kann ich mit 63 Jahren Arbeitslosengeld beziehen?

Sie können höchstens 24 Monate lang Arbeitslosengeld beziehen und höchstens bis zu Ihrem regulären Rentenalter. Ein Anspruch auf Arbeitslosengeld besteht im Grundsatz so lange, bis das „für die Regelaltersgrenze im Sinne des Sechsten Buches erforderliche“ Lebensalter erreicht ist (Paragraph 136, Absatz 2 des dritten Sozialgesetzbuchs).

Das bedeutet: Mit dem schrittweisen Übergang zur Rente mit 67 wird auch die Altersgrenze der Arbeitslosenversicherung Schritt für Schritt angehoben.

Wenn Sie zum Beispiel Jahrgang 1957 sind, liegt ihr reguläres Renteneintrittsalter bei 65 Jahren und elf Monaten. Ab dem darauffolgenden Monat haben Sie keinen Anspruch mehr auf Arbeitslosengeld. Das gilt auch dann, wenn Ihr Maximalanspruch von 24 Monaten dann noch nicht ausgeschöpft ist.

Wer hat Anspruch auf 24 Monate Arbeitslosengeld?

Diese Höchstdauer gilt für alle, die bei der Beantragung von Arbeitslosengeld mindestens 58 Jahre alt sind.

Weitere Voraussetzung dafür ist, dass Sie innerhalb der letzten fünf Jahre vor dem Antrag auf Arbeitslosengeld vier Jahre mit beitragspflichtiger Beschäftigung nachweisen können.

Darf die Arbeitsagentur mich vorzeitig in Rente schicken?

Nein. Das kann Ihnen nur beim Arbeitslosengeld 2 (Hartz 4) passieren. Ob ein Anspruch auf Rente bereits besteht, geht die Arbeitsagentur, wenn es um die Versicherungsleistung Arbeitslosengeld 1 geht, nichts an.

Anders ist es allerdings, wenn Sie bereits die volle Altersrente beziehen. Der Anspruch auf Arbeitslosengeld „ruht“ während der Zeit, in der Ihnen ein Anspruch auf Altersrente aus der gesetzlichen Rentenversicherung „zuerkannt ist“ (Paragraph 156 Absatz 1 des dritten Sozialgesetzbuchs).

Welche Rechte und Pflichten habe ich als 63-Jähriger beim Arbeitslosengeld?

Es gelten für Sie keine Sonderregelungen. Auch als Älterer müssen Sie sich der Arbeitsvermittlung zur Verfügung stellen und alle zumutbaren Arbeiten annehmen. Soweit die gesetzliche Regelung.

Es ist jedoch fraglich, ob in Corona-Zeiten die Mitarbeiter der Arbeitsagenturen einen besonderen Schwerpunkt auf die Vermittlung älterer Arbeitsloser legen.

Allerdings: Ein längerer Urlaub ist für Sie als Bezieher von Arbeitslosengeld in der Regel nicht drin. Sie können jedoch – mit Genehmigung der Arbeitsagentur – bis zu drei Wochen (21 Kalendertage) pro Jahr in Urlaub fahren.

Dieser Anspruch auf „erlaubte Ortsabwesenheit“ bezieht sich nach der „Erreichbarkeitsanordnung“ der Bundesagentur für Arbeit auf Kalenderjahre und nicht auf Jahre des Leistungsbezugs. Ob Sie im gleichen Kalenderjahr auch in Ihrem letzten Job Urlaub genommen haben, spielt keine Rolle.

Wenn Sie länger wegfahren wollen, können Sie noch drei Wochen Mehrurlaub nehmen. Während dieser zusätzlichen Wochen gibt es allerdings kein Arbeitslosengeld mehr.

Wenn Sie ohne Genehmigung in Ferien fahren, müssen Sie damit rechnen, dass Ihnen Ihr Arbeitslosengeld gestrichen wird.

Kann ich bei längerer Arbeitslosigkeit mit 64 Hartz 4 erhalten?

Das kommt ganz darauf an. Bei dieser Bedürftigkeitsleistung gibt es keine völlig freie Wahl zwischen Hartz 4 (Arbeitslosengeld 2) und Rente.

Wenn Sie ab 63 Jahren Hartz 4 erhalten, sind Sie unter Umständen verpflichtet, eine vorzeitige Altersrente in Anspruch zu nehmen, um eine Hilfebedürftigkeit zu vermeiden. Tun sie dies nicht, kann das Jobcenter Sie auffordern, die vorzeitige Altersrente zu beantragen und dann den Antrag selbst stellen, wenn Sie noch immer nicht „mitwirken“. Dies hat das Bundessozialgericht am 19.8.2015 entschieden (Aktenzeichen B 14 AS 1/15 R K).

Grundlage ist eine Regelung im Zweiten Sozialgesetzbuch (SGB). In Paragraph 12a SGB II heißt es:

„Leistungsberechtigte sind verpflichtet, Sozialleistungen anderer Träger in Anspruch zu nehmen und die dafür erforderlichen Anträge zu stellen, sofern dies zur Vermeidung, Beseitigung, Verkürzung oder Verminderung der Hilfebedürftigkeit erforderlich ist.“

Wechsel in die Rente meist „unzumutbar“

In der Praxis gilt ein Wechsel in die Rente vielfach als unzumutbar, weil die vorgezogene Altersrente, die die Sie erhalten würden, unter Umständen kaum über dem Grundsicherungsniveau liegen würde. Das ist so in der sogenannten Unbilligkeitsverordnung geregelt. Danach ist die Aufforderung zum Rentenantrag „unbillig“, „wenn Leistungsberechtigte dadurch hilfebedürftig im Sinne der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung“ werden würden.

Durch diese Regelung soll also vermieden werden, dass Sie von Hartz 4 in die Alters-Sozialhilfe ausgesteuert werden. Wenn Sie mit 63 vom Jobcenter zum Rentenantrag aufgefordert werden, sollten diesem daher eine aktuelle Renteninformation vorlegen. Wenn Sie nur niedrige Rentenansprüche haben, kann das Amt Sie nicht zum Rentenantrag verpflichten.

Auch wenn Sie noch sozialversichert beschäftigt oder selbstständig tätig sind und aufstockendes Arbeitslosengeld 2 erhalten, dürfen Sie meist nicht auf einen Rentenantrag verwiesen werden. Die Erwerbstätigkeit muss jedoch „den überwiegenden Teil der Arbeitskraft in Anspruch nehmen“.

Gleiches gilt, wenn Sie einen Arbeitsvertrag oder eine verbindliche Einstellungszusage vorlegen können, die darlegen, dass Sie „in nächster Zukunft“ eine Erwerbstätigkeit aufnehmen werden. All das steht in der Unbilligkeitsverordnung.

Hartz 4: Muss ich meine private Renten- oder Kapitallebensversicherung kündigen?

Wenn absehbar ist, dass Sie demnächst Hartz 4 erhalten werden, sollen Sie sich rechtzeitig an Ihre private Versicherung wenden. Unter Umständen ist eine Vertragsänderung sinnvoll, die eine Kündigung des Vertrags vor Erreichen Ihres regulären Rentenalters unmöglich macht.

In diesem Fall steht Ihnen ein Freibetrag für Altersrücklagen in Höhe von 750 Euro pro Lebensjahr zu. Wenn Sie 63 Jahre alt sind, darf die Versicherung damit einen Wert von (63 x 750 Euro =) 47.250 Euro haben. Für Ehepaare gilt der doppelte Betrag.

Zudem gelten in der derzeitigen Corona-Krise ohnehin großzügigere Regelungen bei der Vermögensprüfung.

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Autor

Rolf Winkel